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Akademisierung der Pflegeberufe

In der Politik ist der Pflegenotstand inzwischen ein Top-Thema. Doch tun wir auch das Richtige? Gleich drei (!) Bundesminister – Gesundheitsminister Jens Spahn, Arbeitsminister Hubertus Heil und Familienministerin Franziska Giffey – haben sich zur „Konzertierten Aktion Pflege“ zusammengetan und erste Punkte (insgesamt sind es 111) veröffentlicht, wie der Pflegeberuf wieder attraktiver gemacht werden soll. Bessere Vergütung durch allgemeinverbindliche Tarifverträge – na dann, viel Spaß bei der Umsetzung. Ein besseres Gehalt ist aber sicherlich ein Baustein, um junge Kräfte in die Branche zu locken.

Ein moderneres Image steht ebenfalls auf To-do-Liste der Minister. Überfällig, wenn man sich so die Websites einiger führender Pflegeverbände anschaut. Webdesign, Bildsprache und Texte haben nullkommanix mit den Bedürfnissen einer jungen Zielgruppe zu tun. Wer da drauf klickt, um sich über die Branche und Berufe zu informieren, ist abgetörnt und schaut sich in anderen spannenden Branchen um.

5.000 Weiterbildungsplätze für Umsteiger und gering Qualifizierte – geschenkt, jede helfende Hand ist ein Gewinn. Kommen wir mal ans Eingemachte. Die Stiftung Münch hat jüngst in einer Studie herausarbeiten lassen, wo wir in Deutschland in der Pflege stehen. Am Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaften der Berliner Charité wurden vier Länder – Kanada, Großbritannien, Schweden und die Niederlande – unter die Lupe genommen und mit Deutschland verglichen. Alle untersuchten Länder leiden wie Deutschland auch unter einem Fachkräftemangel in der Pflege. Doch wie dieser bekämpft wird, da unterscheiden wir uns in Deutschland signifikant gegenüber den untersuchten Ländern.

In Deutschland sind die Pflegenden meist noch die dienstbaren, oft auch unsichtbaren Geister, die nach strengen berufsständischen Vorgaben, die Therapieanweisungen des Arztes umsetzen dürfen, oder auch nicht. Auf den Punkt gebracht: Wir haben in Deutschland noch zu viel „Halbgott in weiß“ und zu wenig partnerschaftlich orientiertes Arbeiten zwischen Arzt und Pflegende in der Medizin.

Die Akademisierung der Pflege ist sicher kein Allheilmittel gegen den Fachkräftemangel auf dem Arbeitsmarkt. Ohne arbeitende Hände bleibt das Wort Pflege eine leere Hülle.

Fakt ist jedoch, dass eine Auflösung der strengen Hierarchie in der medizinischen Versorgung innovativere Versorgungsmodelle – ambulant wie stationär – entstehen lässt. Studienleiter Professor Michael Ewers von Charité ist jedenfalls überzeugt davon, dass teamorientiertes Arbeiten und mehr Verantwortung für die Pflegeberufe den Beruf attraktiver machen. Das ist etwas sperrig und wenig konkret formuliert.

Auf den Punkt gebracht heißen die Probleme: Wir haben nicht genug Ärzte, diese dürfen oder wollen nur wenig delegieren und wir haben einen unattraktiven Pflegeberuf, der im Vergleich zu anderen Branchen einen deutlich höher Belastung hat und wenig Perspektiven hat.

Es gilt also die Arbeit neu zu verteilen. Dazu müssen Kompetenzen und Fertigkeiten verlagert werden. Der Kern ärztlicher Kompetenz ist die Fähigkeit das Puzzle aus den vielen Einzelteilen der Symptome und Untersuchungsergebnisse zusammenzusetzen und die beste patientenindividuelle Therapie einleiten zu können. Ob die Ausführung immer ärztliche Tätigkeit sein muss, darüber muss dringend diskutiert werden. Viele gute Ansätze sind in Deutschland bisher kaum vorstellbar und auch die Chancen der Digitalisierung werden selten gedacht.

Eines scheint auf jeden Fall unausweichlich: Die klassischen Grenzen zwischen Ärzten, Pflege und spezialisierten neuen Berufsbildern müssen neue definiert werden, damit die wohnortnahe und qualitativ hochwertige medizinische Versorgung eine Chance haben soll. Hierzu müssen Standesvertreter und Politik neue Wege gehen.

Wie ist Ihre Meinung? Halten Sie die Strukturen in der medizinischen Versorgung noch für zeitgemäß, oder müssten Pflegeberufe mit mehr Kompetenzen ausgestattet werden? Auch um so dem Fachkräftemangel zu begegnen?
Wie immer, ich freue mich auf Ihre Reaktionen.

Ihr,

H.-P. Schlaudt

Dr. Hans-Peter Schlaudt

Dr. Hans-Peter Schlaudt ist Experte für Krankenhäuser im Strukturwandel. Der Arzt und Manager gründete 1998 zusammen mit Dorit Müller die Unternehmensberatung JOMEC GmbH Healthcare Consulting+Management. Mit der Erfahrung von mehr als 25 Jahren in der Führung und Beratung im Gesundheitswesen will er nun mit dem Blog das Thema Gesundheitsversorgung auf die Tagesordnung setzen.